Daten von Generation Z abfischen

Leserbrief in der Landeszeitung zur Web-Plattform „berry2b“ sorgt für Diskussionen

Die Lüneburger berry2b GmbH bietet auf der einen Seite Schülerinnen und Schülern eine kostenlose Web-Plattform, auf der sie ihren Schulalltag verwalten können. Auf der anderen Seite werden Abonnements an Unternehmen verkauft, die dort ihre Profile anlegen, um dann gezielt für ihren Personalbedarf die passenden Jugendlichen herauszufiltern und anzuschreiben. In der Landeszeitung für die Lüneburger Heide (LZ) wurde die berry2b App mehrfach angepriesen – zuletzt am 26. November. Auf diesen Artikel mit der Überschrift „So geht Bewerben heute“ hat Marco Sievers aus dem Kreiselternrat mit einem Leserbrief reagiert, zu dem am 6. Dezember wiederum eine Anmerkung der LZ erschien. Der kritische Diskurs soll Ende Januar 2020 in einer offenen Gesprächsrunde fortgesetzt werden – am Donnerstag, dem 30. Januar 2020, um 19:00 Uhr in der Mensa der IGS Embsen, Bahnhofstr. 62. Wir werden alle Interessierten an dieser Stelle über den Fortgang der Diskussion auf dem Laufenden halten …

Leserbrief: „Daten von Generation Z abfischen“

Kinder und Jugendliche im Schulalter sind bekanntermaßen eine begehrte Zielgruppe von Unternehmen – ihre Daten sind Gold wert. Das Start-up „berry2b“ verspricht eine App, mit der die jungen Leute ganz „ganz entspannt ihren Schulalltag managen“ können. Sie sollen einfach nur ihre Stundenpläne, Termine und Aufgaben und am besten noch ihre Interessen, Fähigkeiten und Schulnoten auf der Plattform eingeben.

Das sei alles viel cooler als die weit verbreitete Schulserver-Lösung „IServ“ mit Datenverarbeitung innerhalb der jeweiligen Schule – allein im Landkreis Lüneburg an 13 Schulen im Einsatz und von rund 8.000 Schülern und Lehrern genutzt. – Nein, bei „berry2b“ habe man super viel Spaß und würde sich ganz nebenbei „den Traumjob für später sichern“, wie es auf der Webseite heißt. Und alles lehrerfrei, die Jugendlichen blieben hier unter sich. Aber auch nur fast, denn nun fischen ja unsere lokalen Unternehmen die Schülerkontakte ab – zum Schnäppchenpreis von 360 bis 1.896 Euro im Jahr, je nach Anzahl der Leads, wobei der Kontakt zum einzelnen Schüler rund 30 bis 50 Euro Wert sein dürfte. Die Daten sollen übrigens sicher auf Servern in Deutschland gespeichert sein, gibt „berry2b“ an. Tja, aber bei einem US-amerikanischen Cloud-Anbieter namens Amazon Web Services, einer Tochter des bekannten Onlinehändlers. Und schaut man sich im Kleingedruckten um, erfährt man, dass auch Daten in Seattle und Kalifornien verarbeitet werden.

Müssen unsere Kinder ihre Interessen und Fähigkeiten bei einem US-Konzern hochladen, damit sich der Supermarkt um die Ecke vielleicht mal bei ihnen für ein Praktikum meldet? Nein. Ich widerspreche der Autorin des Artikels und sage: So geht Bewerben heute nicht. Warum also dieser völlig kritiklos geschriebene Werbeblock in der Landeszeitung? Ach so ja, die LZ ist Medienpartner von „berry2b“ … Partner sind offenbar auch schon fünf Schulen aus Lüneburg und Umgebung, deren Embleme die entsprechende Webseite zieren. Dürfen die das, gehört das zum Bildungsauftrag? – Oder ist das gar wettbewerbswidrig, wenn eine Firma solche „Empfehlungen“ unter Ausnutzung öffentlicher Institutionen zur Vermarktung nutzt? Als Vater von drei schulpflichtigen Kindern und Elternvertreter an mehreren Schulen betrachte ich diese App jedenfalls als sehr kritisch.

Marco Sievers, Lüneburg, Stellvertr. Kreiselternratsvorsitzender

Anmerkung der Landeszeitung zum Leserbrief

Mit Herrn Sievers wurde in der Zwischenzeit gesprochen und die „gefühlten“ Unstimmigkeiten zum Thema Datenschutz / Verschlüsselung etc. wurden besprochen. Besprochen wurde auch, dass alle Server in Deutschland stehen und durch umfangreiche Verschlüsselungsmechanismen die Absicherung der personenbezogenen Daten laut DSGVO erfüllt werden. Gleichzeitig ist die Plattform so ausgelegt, dass der jeweilige Schüler selbst bestimmt, was / wie gesehen werden kann und wer mit ihm in Kontakt treten kann. Als weiteres Ergebnis aus dem Telefonat möchten wir anmerken, dass das Cookiebot auf der Plattform kurzfristig komplett neu aufgesetzt wurde. Um innerhalb des Kreiselternrates weitere Transparenz herzustellen, haben sich beide Seiten auf einen persönlichen Gesprächstermin für Mitte / Ende Januar 2020 verständigt. lz

Aufruf an die Eltern: Beteiligt Euch am Diskurs!

Im Kreiselternrat sind wir bereits seit längerer Zeit an diesem Thema dran. In unseren Sitzungen haben wir das Angebot der berry2b GmbH mehrfach diskutiert und kritisch hinterfragt. Wollen wir als Eltern, dass unsere Kinder ihre Daten mitsamt ihren Stundenplänen, Terminen, Aufgaben und Schulnoten auf eine solche Plattform hochladen, sich gegenüber den regionalen Unternehmen gläsern machen, weil sie auf den späteren Traumjob hoffen, während durch ihre Teilnahme am Projekt die Kasse des Plattformanbieters klingelt? Meinen wir wirklich, dass so Bewerben heute geht oder vertreten wir eher die Ansicht, dass proaktives Zugehen der Jugendlichen auf potentielle Arbeitgeber, die Eigeninitiative und der persönliche Kontakt, nicht doch erfolgsversprechender im Bewerbungsprozess ist? Wollen wir es zulassen, dass unsere Kinder mit sogenannten „berry-Coins“ zum Kauf irgendwelcher Items verführt und dazu gebracht werden, auf der Plattform ihre Hausaufgaben zu organisieren, damit dem teilnehmenden Unternehmen auf der Gegenseite versprochen werden kann, dass seine Zielgruppe dort auch immer schön regelmäßig aktiv ist und ihr das eigene Firmenprofil dauernd vor Augen geführt wird? – Wir freuen uns auf eine spannende Auseinandersetzung mit diesen und anderen Fragen, ob hier in der Kommentarfunktion oder demnächst in der geplanten Gesprächsrunde, am 30. Januar 2020 …

Ein Gedanke zu „Daten von Generation Z abfischen“

  1. Ich stimme Ihrer Position zu. Ich empfinde es schon als Skandal, dass nicht nur die meisten Eltern ihren Kindern (unter 16 J.) die Datensammel-App „Whatsapp“ erlauben, sondern dass auch einige Lehrkräfte das als selbstverständliches Kommunikationsmedium hinnehmen und die Nutzung unterstützen. Jetzt soll noch eine weitere solche App hinzukommen? Nein!
    Beim Messenger-Dienst von Iserv bestehen keine kommerziellen Interessen, deshalb kann man das m.E. gut nutzen, wenn die Schule sowieso Iserv hat. Über Iserv kann man all das prima machen, was bei „berry2b“ beworben wird. Praktikumsplätze könnten Lüneburger Unternehmen auf einer Plattform anbieten wie bspw. beim Jobcenter, ohne dass die Firmen die Daten der Schüler bekommen. Eine persönliche Bewerbung schult Schlüsselkompetenzen.

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